© Foto: Giulio GMDB/CC/flickr
Brauchtum in Deutschland, DB Mobil, Reise & Urlaub 0

Kuriose Adventsbräuche in ganz Deutschland


Kuhreihenblasen, Luzienhäuslschwimmen und Christkindwiegen – auch der Dezember, der letzte Monat des Jahres 2016, hält im ganzen Land einige spannende Brauchtümer bereit.

Adventskalenderhaus
ORT: Gengenbach, DATUM: 30.11. (1. Türchen) – 23.12. (24. Türchen)

Schon einmal von Gengenbach gehört? Zugegeben – Menschen, die sich nicht so gut mit der Fastnachtstradition auskennen, können das kleine Städtchen im Schwarzwälder Kinzigtal schon einmal auf der Landkarte übersehen. Dabei lohnt sich nicht nur zur Narrenzeit ein Besuch. Wer auch immer die Idee hatte, das klassizistische Rathaus zur Weihnachtszeit in einen überdimensionalen Adventskalender zu verwandeln (laut Stadtmarketing das „größte Adventskalenderhaus der Welt“), ihm gehört eine Extraportion Lebkuchen auf den Gabentisch gelegt.

Denn die junge Tradition, die 1996 ihren Anfang nahm, hat sich längst zu einem veritablen Touristenmagneten gemausert. Jahr für Jahr strömen Neugierige in die Altstadt, um live dabei zu sein, wie ein neues Türchen, Pardon: Fensterchen, geöffnet wird. In diesem Jahr – so viel sei verraten – werden Bilder von Andy Warhol, hauptsächlich frühe Werke aus seiner Zeit als Illustrator in New York, zu sehen sein. Aber Vorsicht: Anders als wir es von unseren Miniatur-Kalendern zu Hause gewohnt sind, werden die Türchen in Gengenbach schon am Abend zuvor geöffnet.

Wer es im Stress der Vorweihnachtszeit nicht nach Gengenbach schafft, muss auf den Ausblick übrigens nicht verzichten. Der Fassadenkalender bleibt bis zum Dreikönigstag geöffnet. Aber am meisten Spaß macht es natürlich, hautnah bei einer Türöffnung dabei zu sein.

Link: www.gengenbach.info

Kuhreihenblasen
ORT: Villingen, Amtsgericht DATUM: 24.12., ca. 23 Uhr

Hat sich der Rattenfänger aus Hameln etwa in den Schwarzwald verirrt? Wer sonst sollte die Bewohner von Villingen mitten in der Heiligen Nacht auf die bitterkalte Straße locken? Die Antwort liegt tief in der Tradition der alten, badischen Stadt verwurzelt: Der Herter ist’s und er bläst zum Kuhreihen.

Herter – so wurden während des Mittelalters in Villingen die Hirten für Großvieh wie Kühe oder Rinder bezeichnet. Damit stand der Beruf im Gegensatz zu den ‚normalen‘ Hirten, die sich vornehmlich um Schafe kümmerten. Mit dem Kuhreihen, einer möglichst simplen Melodie, die auf einem alphornähnlichen Instrument geblasen wurde, lockte der Herter seine Tiere zum Melken an.

Dass sich in Villingen auch Menschen vom Herterhorn bezirzen lassen, liegt in einem Schwur begründet, den ihre Vorväter im Jahre 1765 leisteten. Damals gelobten die Bürger, an jedem Heiligen Abend den Kuhreihen blasen zu lassen, wenn sie bloß von einer Viehseuche verschont blieben, die in der Region grassierte. Die Villinger hielten Wort: Seit 250 Jahren schallt am 24. Dezember der Ruf des Herterhorns durch die nächtlichen Straßen und Gassen. Und die Menschen aus Villingen folgen. Ein anderes Ende für den Heiligen Abend? Undenkbar.

Link: www.villingen-schwenningen.de

Luzienhäuslschwimmen
ORT: Fürstenfeldbruck, DATUM: 13.12.

Im Dezember 1785 sah es gar nicht gut aus für den kleinen Ort Fürstenfeldbruck in Oberbayern – so weiß es jedenfalls die Legende. Der Fluss Amper war wieder einmal über die Ufer getreten und drohte, viele Häuser in sein kaltes Grab zu reißen. Verängstigt fanden sich die Bewohner in der Klosterkirche ein und baten die Heilige Lucia, eigentlich Schutzpatronin der Armen, Blinden und reuigen Dirnen, um Beistand. Wenn sie nur den Naturgewalten Einhalt gebieten würde, wolle man von nun an jeden 13. Dezember einen Gottesdienst zu Ehren der Heiligen feiern. Um ihrem Gebet Nachdruck zu verleihen, belebten die Fürstenfeldbrucker eine alte Tradition neu: Aus Pappe und Holz bauten sie schwimmfähige Modelle ihrer Häuser, stellten eine Kerze hinein und setzten die Pappmodelle in die Amper. Und tatsächlich – die Stadt blieb vom Hochwasser verschont.

Aber wie es mit Versprechen so ist – mit der Zeit geraten sie in Vergessenheit. Zuerst wurde der Gedenkgottesdienst aufgegeben, und ab Mitte des 19. Jahrhunderts schließlich auch die Tradition des Lichterschwemmens. Einhundert Jahre sollten vergehen, bis wieder ein Luzienhäusl auf der Amper schwimmen sollte. Der Rektor der städtischen Knabenschule war es, der der Lichtertradition 1949 neues Leben einhauchte. Seitdem lassen die Kinder der Stadt an jedem 13. Dezember wieder selbst gebastelte Häuser auf der Amper zu Wasser. Und wer weiß: Vielleicht wirkt der Brauch ja noch immer gegen den Groll des Flussgottes. Beim großen Hochwasser 2013 kamen die Fürstenfeldbrücker auf jeden Fall glimpflich davon.

Link: www.muenchen.de

Christkindwiegen
ORT: Korbach, DATUM: 24.12. (20 Uhr) und 25.12. (7 Uhr) (Termine für 2016 nicht bestätigt)

Emanzipation? Die muss beim Christkindwiegen in Korbach kurz Pause machen. Denn bis heute ist es nur Männern erlaubt, am Heiligen Abend den Kirchturm der Kilianskirche zu erklimmen. An langen Seilen lassen sie ihre Lampions und Laternen vom Kiliansturm hin und her schaukeln, um dem Christkind den Weg in die hessische Stadt zu weisen. Und weil doppelt bekanntlich besser hält, bringen sie dem Geburtstagskind dazu gleich zwei Ständchen: „Dies ist der Tag, den Gott gemacht“ und „Wie herrlich strahlt der Morgenstern“ – so will es die Tradition.

Man weiß nicht genau, wie schief die Korbacher Mannen an jenem Heiligen Abend des Jahres 1543 gesungen haben, dass ihr Gesang sogar die Pest aus der Stadt vertrieben hat. Aber der Erfolg gab ihnen recht: Nach dem allerersten Christkindwiegen war der Schwarze Tod – der Sage nach – aus Korbach verschwunden. Dabei hatte es sich bei der Aktion eigentlich um eine Notlösung gehandelt: Weil pestkranke Menschen den Kirchenraum belegten und der Weihnachtsgottesdienst auszufallen drohte, waren die Kerle kurzerhand auf den Kirchturm geklettert und hatten zu singen begonnen.

Link: www.evkirchekorbach.de

Christkindlanschießen
ORT: Berchtesgadener Land, DATUM: 17.– 24.12. (15 Uhr)

Von wegen stille Nacht! Wer empfindliche Ohren hat, sollte in der Weihnachtszeit einen großen Bogen um das Berchtesgadener Land machen. Besser aber, er bringt gute Ohrenschützer mit und taucht ein in jenen Brauch, der seit Jahrhunderten am Fuße des Watzmanns gepflegt wird: das Christkindlanschießen.

Dabei hatte die laute Knallerei mit der Kirche ursprünglich nicht viel zu tun. Die Bauern wollten mit dem Lärm Dämonen und bösartige Geister vertreiben, die in den dunklen Nächten rund um die Wintersonnenwende durch ihre Wälder streiften. Der geistlichen Obrigkeit gefiel dieser heidnische Brauch gar nicht, und auch die weltliche Herrschaft versuchte immer wieder, die (nicht ganz ungefährliche) Schießerei zu unterbinden. Doch weder Drohungen mit dem Höllenfeuer noch irdische Verbote zeigten Wirkung. Die Berchtesgadener schossen weiter, bauten das Böllern gar in ihre neue Religion ein.

Daran hat sich bis heute wenig geändert: An die 1000 aktive Schützen gibt es noch immer im Berchtesgadener Land, organisiert in 17 unterschiedlichen Vereinen. Und die wissen genau, was am 17. Dezember zu tun ist: Am frühen Nachmittag greift Man(n) zu Hand- oder Schaftböller, wirft sich die blaugraue Joppe über, setzt den Schützenhut mit Spielhahnfeder auf und stapft durch den Schnee bergauf zum Standplatz seines Weihnachtsschützenvereins. Pünktlich um 15 Uhr, wenn die Kirchturmglocken zu läuten beginnen, nimmt das Spektakel seinen Anfang. „Fertig? Auf!“ hallt das Kommando dann durch den Talkessel, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Krachen, das von den Bergwänden als Echo zurückgeworfen wird. Erst eine Viertelstunde später, wenn die frische Winterluft schon nach Schwarzpulver riecht, gönnen die Schützen ihren Vorderladern eine Pause.

So geht es Tag für Tag weiter, bis das Christkindlanschießen am Heiligen Abend seinen Höhepunkt erreicht. Eine halbe Stunde lang krachen die Salven in dieser Nacht  durch das Berchtesgadener Tal. Erst die Turmuhr gebietet den Schützen Einhalt: Schlag zwölf um Mitternacht, pünktlich zu Beginn der Christmette, verstummen die Böllerschüsse. Die Stille Nacht, nun ist sie auch im Berchtesgadener Land angebrochen.

Link: www.berchtesgadeninfo.de 

Osteroder Weihnachtssänger
ORT: Osterode,  DATUM: 24.12. (22 Uhr)

Längst ist die Nacht hereingebrochen über die kleine Harzstadt Osterode. Rot schimmert die Straßenbeleuchtung, taucht die Fassaden der Fachwerkhäuser in ein gedämpftes Licht. An einem gewöhnlichen Tag wäre kein Mensch noch um diese Uhrzeit unterwegs. Doch dies ist kein gewöhnlicher Tag – dies ist der Heilige Abend. Lange bevor der Zug aus Menschen um die Ecke biegt, schallt schon ihr Gesang über das Kopfsteinpflaster. „Dies ist der Tag den Gott gemacht / sein wird in aller Welt gedacht. / Ihn preise, was durch Jesus Christ / im Himmel und auf Erden ist.“ Die Weihnachtssänger sind da.

Pastor Friedrich Schünemann war es, der 1905 beschloss, das Gemeinschaftsgefühl der Osteroder mit einer gemeinsamen Tradition am Heiligen Abend zu stärken. Die Idee kam an: Bis heute treffen sich die Menschen um 22 Uhr zum gemeinsamen Rundgang durch die Altstadt, lauschen den Weihnachtssängern und singen selbst mit. Der erste Weg der Weihnachtssänger, der geht allerdings auf den Friedhof. Denn das erste Ständchen bekommt noch immer der, der diesen Brauch einst ins Leben rief: Pastor Friedrich Schünemann.

Link: https://stjacobi-osterode.wir-e.de

Lebendes Krippenspiel
ORT: Hochlar, DATUM: 11.12. (15.30 Uhr, 17.00 Uhr und 18.30 Uhr)

Bethlehem? Von wegen. Das Jesuskind kommt aus dem Pott! Genauer gesagt aus Hochlar, einem Stadtteil von Recklinghausen, der eigentlich ein kleines Dorf ist. Wer daran zweifelt, sollte am dritten Adventssonntag eine Reise zur Remise im alten Ortskern unternehmen. Dann nämlich lädt der hiesige Verkehrs- und Verschönerungsverein – mittlerweile zum 21. Mal – zu einem Krippenspiel der besonderen Art.

Keine Angst, die Handlung um Maria und Josef wurde nicht etwa ‚behutsam modernisiert‘ und wird auch nicht als Hip-Hop-Song eingesungen. In Hochlar hält man sich streng an die klassische Vorlage: Die hochschwangere Maria und ihr Mann Josef landen bei ihrer vergeblichen Suche nach einer Herberge in einem Stall, wo Maria ein ganz besonderes Baby zur Welt bringt. Gerade bei den jüngeren Zuschauern spielt das Jesuskind aber – trotz seiner Bedeutung für den weiteren Verlauf der Weltgeschichte – nur die zweite Geige.

Die wahren Stars bei diesem Krippenspiel sind die Tiere. Bei denen handelt es sich nämlich weder um Pappkameraden, noch stecken Menschen unter dem Fell. Esel, Ochse, Schafe und Ziegen blöken, iahen und muhen so echt, wie es nur lebendige Tiere können. Allerdings müffeln die Stars aus Hochlar auch ein bisschen. Dafür ist eins sicher: So nah dran an der Weihnachtsgeschichte waren Sie noch nie.

Link: www.vv-hochlar.de


Der Artikel wurde 2014 für mobil.de, das Online-Magazin der Deutschen Bahn verfasst und ist aktuell nicht mehr abrufbar. Für 2016 wurde er leicht aktualisiert.

© Foto: Giulio GMDB/CC/flickr

You Might Also Like