Facebook, Like, Manipulation, Trick
Bits & Bytes 2

WIE EIN FACEBOOK-TRICK EINEM ARTIKEL BELIEBIG VIELE LIKES BESCHERT


Wie man durch einen Facebook-Trick unendlich viele Likes für seine Artikel bekommt – und wie dieser Bug Nazis und anderen Hasspredigern in die Hände spielen kann.

Mir ist schon vor einiger Zeit etwas Seltsames auf meiner Homepage aufgefallen. Normalerweise bekommen Texte, die ich dort veröffentliche, nicht viele Likes. Das macht Sinn: Auf mein Seitchen verirren sich nur wenige Menschen, die meisten von ihnen Freunde, die alle Jubeljahre mal nachsehen wollen, ob der olle Zausel wieder was Neues geschrieben hat.

Aber letztens konnte ich praktisch dabei zusehen, wie der Likezähler bei einem meiner Texte zusehends in die Höhe schnellte. Wow, dachte ich, was treiben denn plötzlich so viele Leute auf meiner Homepage – und vor allem: Wo kommen die alle her? Und während ich noch von einem viralen Hit träumte, fragte ich mich, ob dieses Phänomen vielleicht damit zu tun haben könnte, dass ich zeitgleich mit einer Freundin auf Facebook über eben diesen Artikel diskutierte. Ich hatte den Artikellink über meinen Account gepostet und nun ging es in den Kommentaren darunter heiß her: Post- und Gegenpost wechselte im Minutentakt – ungefähr genauso schnell wie sich Likes auf meiner Artikelseite vermehrten. Konnte das ein Zufall sein?

Facebook, Like, Manipulation, Trick

Kein Kommentar: 8 Likes. © Jens Wiesner

Ich forschte ein wenig im Netz – und wurde fündig. Die Zahl rechts neben dem berühmten Daumen erhöht sich tatsächlich nicht nur, wenn jemand auf der entsprechenden Artikelseite bewusst auf „Gefällt mir“ drückt, sondern immer dann, wenn jemand mit dem Artikel „interagiert“, wie es Facebook nennt. Heißt: Wenn ich einen Artikel via Facebook poste, und jemand diesen Post auf Facebook liked oder über den „Share“-Button teilt, springt auch der Zähler auf meiner Homepage um Wert 1 nach oben. So weit, so praktisch. Schließlich postet man in der Regel Dinge, die einem gefallen. (Klar, es kann auch vorkommen, dass Leute etwas posten im Sinne von „Schaut euch mal diesen Link an. Was für ein Quatsch!“ – das kommt aber doch eher selten vor.)

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Zwei gar nicht erfreute Kommentatoren – aber der Artikel wird beliebter: 10 Likes © Jens Wiesner

Aber nicht nur das Posten veränderte die Zahl der Likes, auch die Anzahl der Kommentare darunter. Für Facebook zählt nämlich einzig und allein, dass jemand kommentiert, also mit dem Post interagiert. Ob er den geposteten Inhalt nun ganz wunderbar toll findet oder ihn abgrundtief verabscheut – egal. Und so trieb meine Freundin mit jedem Kommentar, den sie mir unter den Post auf Facebook schrieb, die Zahl der Likes auf der Ursprungsseite des Artikels in die Höhe – obwohl sie mit meinem Artikel ganz und gar nicht einer Meinung war und ihn niemals bewusst geliked hätte. Das Krasseste: Selbst meine eigenen Kommentare wurden gezählt. Selbst ohne meine Freundin – ich könnte praktisch endlos Kommentare unter meinen eigenen Link schreiben und damit die Zahl der Likes auf meiner Homepage ins Exorbitante pushen.

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Das Spielchen lässt sich unendlich lang weiterführen… Auch wenn nur der eigene Autor mitspielt: 13 Likes © Jens Wiesner

In unserem Fall war das jetzt nicht so schlimm, aber dann begann ich nachzugrübeln, wie man dieses System im schlimmsten Fall ausnutzen könnte. Stellen wir uns einmal folgendes Szenario vor: Im Netz sind ja auch allerhand unangenehme Zeitgenossen unterwegs – Nazis, Islamisten, Schwulenhasser – kurz: Extremisten jeder Couleur, deren Meinung extrem polarisiert. Nehmen wir einmal an, eine Neonazigruppe hätte eine widerliche Hassschrift verfasst und teilt diesen Text, der auf der eigenen Webseite liegt und einen Like-Zähler integriert hat, via Facebook. Ein Shitstorm bricht los: Immer mehr Leute beschimpfen diese Neonazi-Gruppe in den Kommentaren unter dem Facebook-Post zum Artikel wütend, doch die lacht sich heimlich ins Fäustchen. Denn mit jedem Kommentar, der eigentlich gegen den Inhalt der Hassschrift gerichtet ist, bekommt eben dieser Text auf der Homepage der Neonazis einen Daumen hoch. Einem Besucher dieser Homepage muss es nun so vorkommen, als hätten sehr viele Menschen den Artikel geliked – sie können ja nicht ahnen, dass die meisten Likes gar keine direkten Likes waren, sondern Kommentare als Antwort auf einen für sie nicht sichtbaren Facebook-Post. (Noch weiter gedacht? Eine x-beliebige Nachrichtenseite wird auf diese krass-hohe Likezahl für den Neonazi-Hassartikel aufmerksam – und macht eine Nachricht im Stile von „Hohe Zustimmung für…“ daraus.)

Natürlich: Das Nazi-Gedankenspiel ist ein Worst-Case-Szenario. Aber es zeigt, dass die Anzahl von Likes neben einem Artikel sehr einfach manipuliert werden kann und nicht als Beleg für inhaltliche Zustimmung missverstanden werden darf. Im schlimmsten Fall lässt sich dieser Trick dazu missbrauchen, öffentliche Meinungen zu manipulieren, indem Gefallen einer Masse dort suggeriert wird, wo gar keins vorhanden ist – perfiderweise sogar dadurch, dass man Menschen vor den Karren des Extremismus spannt, die eigentlich mit aller Macht dagegen kämpfen.

Links zu den Screenshots:

http://www.jenswiesner.net/eigenes/artikel_2010_steinlaus.html

https://www.facebook.com/tintenklexx/posts/130784546990424

Frage in die Runde: Lässt sich das Verhalten bei euch reproduzieren?

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  • Klaus says: April 10, 2015 at 1:47 am

    Okay, interessant. Der Like-Zähler am Post selbst ist also nicht identisch mit dem eingebetteten auf Deiner Homepage. Was für ein Plugin nutzt Du da – offiziell von Facebook, oder third party?

    Auch ohne dieses Phänomen spielt man durch fleißiges Kommentieren und Teilen aber immer dem Urheber eines Posts in die Hände. Je mehr Interaktion, desto höher rankt FB den Post, und desto eher wird er in den Timelines von Nutzern angezeigt. Dagegen hilft nur: NICHT interagieren, teilen, kommentieren, sondern markieren als „das will ich nicht sehen“, oder melden.

  • Jens Wiesner
    Jens Wiesner says: April 15, 2015 at 7:06 am

    Hi! Auf dieser Homepage nutze ich das angestammte Social-Media-Plugin, auf der alten, http://www.jenswiesner.net, die auf keinem CMS aufgesetzt ist, habe ich den Code von der offiziellen Facebook-Developers-Seite eingebaut.
    Und klar, Kommentieren und Teilen wertet einen Post immer auf, da hast du recht. Deswegen macht das schon viel Sinn, bei Nichtgefallen höchstens auf deine Art zu reagieren. Allerdings würgt das natürlich auch jede Diskussion zum Thema ab. Problem: An Diskussionen ist Facebook auch gar nicht interessiert und war es nie (im Gegensatz zum Forum, z.B.). Stattdessen ist die Plattform, wie eigentlich alle Social-Media-Plattformen als sozialer Positiv-Verstärker gedacht, der (so wie nun programmiert) immer dann erhebliche Probleme bekommen muss, wenn es Gegenmeinungen gibt.