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Einstellungskriterium Christ: Vom Regen in die Taufe


Um ihre Bewerbungschancen in sozialen Einrichtungen zu verbessern, lassen sich viele Menschen taufen – selbst wenn sie mit den christlichen Kirchen gar nichts am Hut haben

Das Bewerbungsgespräch war perfekt verlaufen: Lara R. hatte stets die richtigen Antworten parat, sich gleichzeitig kompetent, schlagfertig und charmant gezeigt. Die Stelle als Sozialarbeiterin in der Jugendhilfe des Diakonischen Werks schien in greifbarer Nähe. Bis ihr künftiger Arbeitgeber plötzlich fragte: „Gehören Sie eigentlich einer christlichen Kirche an?“ Einen Tag später beschloss die überzeugte Atheistin evangelisch zu werden.

Offizielle Statistiken gibt es dazu keine. Doch in einschlägigen Foren wird deutlich: Der Weg zum Taufbecken hat oft nichts mit echter Religiosität zu tun. Nicht selten ist er ein kalkulierter Schritt, um die eigenen Bewerbungschancen im sozialen Sektor zu verbessern. Denn wer eine Karriere als Krankenschwester, Altenpfleger oder Mitarbeiter einer Behinderteneinrichtung anstrebt und keiner christlichen Kirche angehört, hat es schwer in Deutschland.

Werner Negwer, Justiziar des Diözesan-Caritasverbands Osnabrück, gibt zu, dass christliche Bewerber einen Vorsprung genießen: „Natürlich hat jemand, der bei seiner Bewerbung angibt, römisch-katholisch oder auch evangelisch-lutherisch zu sein, bessere Chancen berücksichtigt zu werden, als jemand, der keine Angabe macht oder sagt, er sei aus der Kirche ausgetreten.“ Allerdings gebe es auch Ausnahmefälle, beispielsweise im Migrationsbereich, in denen dezidiert Angehörige nichtchristlicher Religionen gefragt sind: „Da nutzt es mir nichts, wenn ich jemand mit einer ganz lupenreinen katholischen Biografie habe, der die Lebenswirklichkeit dieser Menschen nicht kennt.“

SONDERKONDITIONEN FÜR KIRCHEN

Rechtens ist die Selektion nach Religionszugehörigkeit für kirchliche Arbeitgeber allemal. Die deutsche Verfassung spricht den Kirchen mit Verweis auf Artikel 137 III der Weimarer Reichsverfassung erhebliche Sonderkonditionen im Arbeitsrecht zu, formuliert im „kirchlichen Selbstbestimmungsrecht“: Religionsgemeinschaften dürfen von ihren Beschäftigten ein loyales und aufrichtiges Verhalten im Sinne des jeweiligen Selbstverständnisses verlangen. Selbst dann, wenn es die individuelle Religionsfreiheit der Mitarbeiter einschränken sollte.

Ein Recht, das sich die großen christlichen Kirchen nicht nehmen lassen. Ob Priester oder Religionslehrer, Kindergärtner oder Altenpfleger – geht es darum, neue Mitarbeiter einzustellen, ist jede katholische Einrichtung an die „Grundordnung des kirchlichen Dienstes im Rahmen kirchlicher Arbeitsverhältnisse“ gebunden. Sie enthält Bestimmungen, die 1994 von den deutschen Bischöfen erlassen wurden. Die evangelische Seite formuliert ähnlich.

Je nach Art des Dienstes werden unterschiedliche Anforderungen an die Religiosität des Bewerbers gestellt: Geht es um pastorale oder katechetische, also um sogenannte verkündigungsnahe Aufgaben, sind die Regeln klar: Nur Mitglieder der eigenen Religionsgemeinschaft dürfen in solchen Berufen (Priester, Diakon, Gemeindereferent) arbeiten. Ähnlich verhält es sich in Leitungsfunktionen und Stellen im erzieherischen Bereich, also als Lehrer einer konfessionellen Schule oder Erzieher eines konfessionellen Kindergartens. Hier bieten beide Kirchen allerdings Hintertürchen für Ausnahmen.

Ansonsten gilt die Faustregel: Die Anstellung von Mitarbeitern einer anderen christlichen oder nichtchristlichen Konfession ist erlaubt, solange diese ihre Aufgaben im Sinne der Kirche erfüllen. Wer bewusst aus der Kirche ausgetreten ist, hat allerdings keine Chance auf Einstellung.

MONOPOL IM SOZIALEN SEKTOR

Offen bleibt die Frage, ob diese Regelung auch fair ist. Schließlich zählen konfessionelle Wohlfahrtseinrichtungen zu den wichtigsten Arbeitgebern in Deutschland. Mancherorts, vor allem in ländlichen Gebieten, besetzten ihre Sozialeinrichtungen eine Monopolstellung. So ist der katholische Deutsche Caritasverband laut Eigenangaben mit über einer halben Million (520.000) hauptamtlichen Mitarbeitern nicht nur der größte Wohlfahrtsverband bundesweit, sondern auch der größte private Arbeitgeber in Deutschland. Das evangelische Pendant, die Diakonischen Werke, folgt mit 430.000 Beschäftigten.

Hinzu kommt, dass sich die Verbände nicht nur aus selbst erwirtschafteten und Kirchensteuermitteln finanzieren, sondern auch staatliche Zuschüsse für Aufgaben erhalten, die sie für staatliche Organe durchführen, wie Erziehungs- oder Suchtberatungen. Aber längst nicht alle Deutschen, die in Kindergärten, Behinderteneinrichtungen oder an sozialen Brennpunkten arbeiten wollen, gehören zwangsläufig einer Kirche an. Mehr als ein Drittel der deutschen Bevölkerung bezeichnete sich 2008 als konfessionslos, auch der Anteil nichtchristlicher Religionen (momentan an die fünf Prozent) nimmt zu.

In den Foren wird heftig über das Für und Wider diskutiert. „Was hat mein Glaube mit meinen Qualitäten als Altenpflegerin zu tun?“ fragt Luna, Anwärterin für eine Caritas-Pflegeschule im Forum Pflegenetz, „Ich mache diesen Beruf mit Liebe und dann versperrt mir sowas den Weg“. Claudia Beck, Pressesprecherin des Deutschen Caritasverbands, hält solchen Aussagen entgegen: „In der Arbeit der Caritas soll sich auch der kirchliche Sendungsauftrag entfalten. Dies erfordert, dass die Mitarbeitenden diesen Sendungsauftrag leben und aktiv gestalten.“

Auch User gri1su aus dem Ratgeber-Forum Gute-Frage.net hält nichts von der Entscheidung, sich allein aus beruflichen Gründen taufen zu lassen: „Entweder habe ich meine Konfession und bin überzeugt davon – dann stehe ich auch dazu. Wenn nicht, dann trenne ich mich von dieser Kirche.“ Ein andere Stimme hält es pragmatischer: „Hauptsache, du hast den Job! Nachher musst du halt neun oder zehn Prozent Zwangsgeld abziehen. Als ADAC Mitarbeiter tritt man halt auch in den Verein ein!“

OHNE TAUFE GEHT ES NICHT

Im Gegensatz zur evangelischen Erwachsenentaufe ist der Eintritt in die katholische Kirche allerdings nicht mit einer kurzen, bewerbungsfristfreundlichen Blitzaktion erledigt. Dem kurzen, wenige Wochen dauernden Verfahren steht auf katholischer Seite eine intensive Vorbereitungszeit gegenüber, die sich mehrere Monate, manchmal gar bis zu einem Jahr, hinziehen kann. Im Rahmen dieses sogenannten  Katechumenats steht auch die Ernsthaftigkeit des Taufwunsches zur Debatte.

Zu einem Aufschub oder gar einer Verweigerung der Taufe kommt es dennoch nur in den seltensten Fällen. Nicht wenige Pfarrer haben schon Menschen getauft habe, von denen sie sich nicht sicher waren, dass der Taufwunsch ernst gemeint war. Auch Rüdiger With, katholischer Priester aus Borkum, sagt: „Wenn jemand zu mir kommt und sagt ‚Ich glaube an Gott‘, kann ich ihm die Taufe nicht verweigern, selbst wenn ich einen anderen Eindruck habe!“ Die letzte Grenze bleibt eben doch das eigene Gewissen.

Das musste auch Lara R. nach ihrer eigenen Tauffeier erfahren: „Gegenüber der evangelische Kirche als Institution habe ich überhaupt kein schlechtes Gewissen, wohl aber gegenüber den Gemeindemitgliedern und der Pastorin, die mich wahnsinnig herzlich und nett empfangen haben.“ Im Nachhinein wünscht sich die junge Frau, der Pastorin doch reinen Wein eingeschenkt zu haben: „Damals habe ich mich nicht getraut – aus Angst, dass sie Nein sagt und ich arbeitslos werde.“

Erschienen auf: Zeit Online am 1. April 2010

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