Schreiben für Andere – ein Abschied

Warum ich nach 17 Jahren das berufliche Schreiben aufgebe – und mich darüber freue.

2003 habe ich meinen ersten Text für Geld an eine Zeitung verkauft – für den Kirchenboten des Bistums Osnabrück. Es ging um Manfred Göbel, einen Entwicklungshelfer, der sich in Brasilien dem Kampf gegen Lepra und Tuberkulose verschrieben hatte.

Mann, was war ich stolz! Ich konnte tatsächlich mit meinem Geschriebenen Geld verdienen! Viel war es nicht, aber das war mir damals egal. Allein die Möglichkeit elektrisierte mich: Ich fühlte mich geadelt. Das Schreiben zum Beruf machen zu können, klang für mich wie ein Traum! Zu schön, um wahr zu sein.

Der Traum ist aus – gut so!

17 Jahre später freue ich mich darauf zu sagen: Der Traum ist vorbei. Und muss rückblickend zwei Dinge anerkennen: Vielleicht war es doch keine so gute Idee, meine Leidenschaft mit dem Broterwerb zu verknüpfen. Und: Wer wirklich frei und kreativ schreiben will, sollte das besser nicht mit dem Handwerk Journalismus verwechseln. 

Ja, ich hatte viele schöne Momente, habe viele spannende Menschen getroffen und Dinge gesehen, habe mich lange mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, Texte nicht nur für den Journalismus, sondern auch im Auftrag von Unternehmen zu schreiben, bis ich dann doch – auch der Finanzen wegen – eingeknickt bin.

Die Freude ist fort

Aber wo früher die Begeisterung für das Spiel mit Worten, die Hoffnung mit Journalismus die Welt zu verbessern und eine fast unbändige Neugier die beschissene Bezahlung, den Deadlinedruck (Texte sind mir nie so aus der Feder geflossen, ich musste sie mir immer abtrotzen) und meinen fatalen Hang zum Perfektionismus ausgeglichen haben, ist heute: nichts mehr. 

Die Neugier ist fort, meine Motivation die Welt zu verbessern und die Freude am Schreiben ebenso. Und deswegen mache ich jetzt Schluss damit. 

Im Auftrag der Anderen

Wer für Geld schreibt, schreibt im Auftrag von Anderen, schreibt für Andere. Das war mir immer klar, und ich habe immer versucht, in diesem Korsett meine kreative Freiheit auszuleben, so gut es ging. Aber ein Stück weit war es nun mal auch Selbstbetrug: Ein Korsett bleibt ein Korsett. Experimente, auch kreativer Art, werden ungern gesehen – von unternehmerischer wie journalistischer Seite. Der Auftraggeber verlangt Pflichterfüllung und das ist auch sein gutes Recht.

Über Jahre habe ich mich immer wieder mit Redaktionen und Auftraggebern um Texte, Kürzungswünsche und die richtige Formulierung gestritten. Einerseits sicher, weil ich, wie ich mir immer gesagt habe, an erster Stelle für die Leser*innen und nicht für den Verlag schreiben wollte. Aber seien wir ehrlich: Ein großer Teil davon ist auch schlicht und einfach eigenes Ego. Denn wer schreibt, der möchte Lob, der möchte gelesen und anerkannt werden. Schreiben ist nun mal ein ganz schönes Ego-Ding.

Zuletzt hatte ich selbst auf dieses Ringen keine Lust mehr.

Schreiben ohne Zweck

Deswegen freue ich mich darauf, Schreiben von jetzt an wieder als genau das zu betrachten, was es ganz dringend wieder werden muss: als mein ganz persönliches Ego-Ding, mein Experimentierlabor, in dem ich Stil und Wortwahl, Fiktionelles und Faktisches, Quatsch und Ernst munter durcheinander wirbeln kann, ohne irgendwem Rechenschaft tragen zu müssen oder ohne mich zusammenreißen zu müssen, mir keinen Auftraggeber zu vergraulen. 

Ich bin ganz zuversichtlich: Der Spaß kommt sicher irgendwann zurück. Und Geldverdienen… kann man auch mit anderen Dingen 🙂

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PS: Manfred Göbel ist übrigens (hab ihn gerade gegoogelt) im letzten Jahr in Ruhestand gegangen, nach 41 Jahren in der Lepraarbeit in Brasilien. Lässt einen auch über Sinn und Unsinn der eigenen Arbeit nachdenken…

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