Vom Stolz und Scham des Flaschensammelns

Diese Geschichte hat viel mit Scham zu tun. Eine Geschichte, in der Menschen in Mülleimern wühlen, kommt nicht ohne Scham aus. Geld spielt ebenfalls eine Rolle – sehr viel Geld und erschreckend wenig. Vor allem aber erzählt diese Geschichte von Stolz. Vom Stolz darauf, selbstbestimmt gegen die eigene Armut zu kämpfen.

„Nee, acht Cent nehm‘ ich nicht. Nur Plaste ab 15!“ Der Mann mit
den zwei abgegriffenen Plastiktüten in der Hand zuckt entschuldigend mit
den Schultern. Und ich bin für einen Moment sprachlos. Seit zwei
Stunden sitze ich mit Freunden im Hamburger Schanzenpark. Das Wetter ist
hervorragend, der Grill läuft ebenso gut wie das Bier unsere Kehlen
herunter. Gerade habe ich eine neue Flasche geleert und den schwer
bepackten Mann, der von Grüppchen zu Grüppchen über den Rasen
schlendert, herbei gewunken. Vor einigen Jahren noch wäre er mir als
seltsam aufgefallen. Ich hätte mich gefragt, ob er obdachlos ist,
vielleicht etwas verkaufen oder betteln will. Ganz sicher hätte ich ihn
nicht aktiv angesprochen.

Diese Zeiten sind längst vorbei.
Flaschensammler gehören zum Stadtbild, nicht nur in Hamburg. Wir haben
uns daran gewöhnt, dass es Menschen gibt, die sich täglich auf
Pfandsuche begeben und dafür auch beherzt in stinkende Mülleimer
greifen. Allerdings bleibt ihnen der Griff in den unbekannten Ekel immer
häufiger erspart. Denn wer seine Pfandflaschen nicht neben die
Mülltonne stellt, sondern darin versenkt, erntet mit Sicherheit einen
bitterbösen Blick dafür. Nicht von den Pfandsammlern selbst, sondern von
anderen Passanten. In den vergangenen Jahren ist eine Art
ungeschriebener Kodex in Hamburg entstanden: Wer unterwegs etwas trinkt
und nicht auf das Pfandgeld angewiesen ist, der bringt seine Flasche
nicht wieder zurück zum Kiosk. Man stellt sie stattdessen neben einen
Mülleimer oder drückt sie einem Sammler direkt in die Hand. Die Kampagne
einiger findiger Werber hat gewirkt:
Pfand gehört daneben!

Glasflaschen lohnen sich nicht

Und nun möchte
dieser Pfandsammler mein Geld nicht haben? Ich fühle eine Mischung aus
Trotz und Scham in mir aufsteigen. „Dann eben nicht. Wer nicht will, der
hat schon!“ gifte ich beinahe zurück und merke glücklicherweise noch
rechtzeitig, wie unendlich arrogant das wäre. Gleichzeitig fühle ich
mich ertappt. Ich wollte bequem eine Flasche loswerden, die für mich nur
noch Abfall ist, und mich dabei noch generös geben.

Der Mann
scheint mein Unbehagen zu spüren: „Entschuldigung, aber Glasflaschen
lohnen sich für mich einfach nicht“, erklärt er mir. Sie seien zu schwer
und zu umständlich zu transportieren für das wenige Geld, das sie
bringen. Aber wenn ich sie an den Mülleimer stellen würde, käme sicher
bald jemand vorbei, der besser ausgerüstet sei als er – oder das Geld
noch nötiger habe. Tatsächlich muss ich nicht lange warten: Kaum zehn
Minuten sind vergangen, da läuft eine alte Dame mit Einkaufstrolley den
Gehweg entlang, schaut einmal kurz in alle Richtungen, als würde sie
gleich eine Straftat begehen, bückt sich dann viel zu tief und viel zu
schnell nach meiner Flasche, legt sie in ihren Trolley und huscht fort.
Wann hat all das angefangen, frage ich mich?

High-Tech-Abfalltonnen gegen Flaschensammler

Stephan Karrenbauer weiß die Antwort. Seit 1995 arbeitet der 52-Jährige als Sozialarbeiter beim Hamburger Obdachlosenmagazin „Hinz & Kunzt“ Die Lobby für Obdachlose ist stark in Hamburg. Als das Bezirksamt 2011 einen Stahlzaun um eine Brücke errichtete, damit kein Obdachloser mehr darunter nächtigen konnte, schlug den Behörden eine derart große öffentliche Empörung entgegen, dass das 18.000 Euro teure Gebilde nach einer Woche wieder abgerissen werden musste.

Ähnlich heftig war
die Aufregung bei der Sache mit den Luxus-Mülleimern: Hamburg hatte sich
für den Innenstadtbereich 160 High-Tech-Abfalltonnen geleistet, die es
Flaschensammlern aber unmöglich machten, in die Behälter zu greifen und
nach weggeworfenen Pfandflaschen zu suchen. Ein
Pfandsammler schrieb
sich daraufhin in „Hinz und Kunzt“ seine Wut von der Seele, Medien
aus aller Welt griffen das Thema auf, die offiziellen Stellen
dementierten jegliche Absicht – und am Ende montierte die Stadtreinigung
ein paar
Pfandregale
an die futuristischen Tonnen (genauer gesagt an 10 von 160), um die
Kritiker zu besänftigen. Dass alles nur ein Versehen war, man schlicht
die Konsequenzen für Flaschensammler nicht bedacht hatte, glaubt
Karrenbauer nicht. Tatsächlich wirbt der
Mülleimer-Produzent
aktiv damit, dass ein „Hineingreifen/Fischen im inneren Behälter ausgeschlossen“ ist.

Verwunderlich
ist diese Art von Werbung kaum – zerstört das Bild vom Pfandsammler
doch die heile Glitzerwelt, die Stadtmarketing und Geschäfte so gerne
aufrecht erhalten. Wer wird schon gerne mit real existierender Armut
konfrontiert, wenn er gerade vollbepackt von der Shoppingtour auf die
Straße tritt. „Eure Armut kotzt mich an“, bringt es ein zutiefst
zynischer Spruch auf den Punkt. Aber das ist nur die eine Seite: „Wer
sieht, dass es Menschen gibt, die darauf angewiesen sind, im Müll zu
wühlen, macht sich Gedanken“, sagt Karrenbauer. Unbequeme Gedanken über
Gerechtigkeit, soziale Verteilung und über Armut, die plötzlich viel
präsenter im Alltagsleben geworden ist – und irgendwann vielleicht auch
die eigene Person treffen könnte.

Die Scham beim Griff in den Eimer

Einst
war Karrenbauer selbst als Flaschensammler unterwegs. Als Jugendliche
liefen er und seine Kumpels über Baustellen, um leere Bierflaschen
einzusammeln. Und genauso wie die Pfandsammler von heute waren die Jungs
gut organisiert. Mit Tüten hielt man sich erst gar nicht auf, es ging
mit der Schubkarre auf Tour. „Zehn Pfennige gab’s im Krämerladen für
jede Flasche; wenn wir fünf Mark hatten, waren wir reich!“ Doch während
die Preise immer weiter stiegen, blieb das Pfandniveau gleich.
Irgendwann lohnten sich die Touren nicht mehr. Das änderte sich erst
wieder mit den neuen Pfandgesetzen in Deutschland, der
Einführung des Einwegpfands
auf Plastik und Dosen im Jahr 2002.

„In den Köpfen der armen
Leute ist die Idee, das damit Geld zu machen sei, wohl in dem Moment
angekommen, als die 25-Cent-Flaschen eingeführt wurden“, vermutet
Karrenbauer. „Vier Flaschen für einen Euro – das ist schon eine
Hausnummer.“ Zusätzlich habe die Einführung der Hartz-Gesetze die
Menschen auf der Suche nach alternativen Einkommensquellen auf die
Straße getrieben: Menschen, die vorher Arbeitslosengeld bekommen hatten,
standen plötzlich mit weniger als 400 Euro im Monat da.

Darum
seien die meisten Flaschensammler auch längst keine Obdachlosen mehr,
erklärt Karrenbauer. „Der Verteilungskampf der Armen auf der Straße ist
viel härter geworden.“ Das deckt sich mit meinen Beobachtungen: Manchmal
kann ich es gar nicht glauben, wer da vor mir in der U-Bahn oder im
Park in die Mülleimer greift. Ein Mensch kann heutzutage gute Kleidung
tragen und gepflegt aussehen – und trotzdem das Pfandgeld bitter nötig
haben. Gerade bei älteren Damen und Herren, deren Rente offenbar nicht
ausreicht, bemerke ich oft eine besondere Scham. Denn jeder Griff in den
Abfall ist auch ein Offenbarungseid – und ein Rampenlichtmoment. Seht
her, sagt die Hand, die im Schlund der Abfalltonne verschwindet: Ich.
Bin. Arm. Und weil ich spüre, dass es ihnen unendlich unangenehm wäre,
traue ich mich nicht, sie anzusprechen – auch nicht für diese
Geschichte. Das Schamgefühl funktioniert in beide Richtungen.

Maximal 20 Euro Tagesverdienst

Doch nicht alle Pfandsammler empfinden Scham ob ihrer Tätigkeit. Eine
ganze Reihe von ihnen geht offensiv und mit erhobenem Kopf an die
Arbeit. Sie sehen sich als selbstständige Unternehmer, sind extrem
durchorganisiert und investieren in ihre Tätigkeit, indem sie sich
möglichst praktische Transportmittel für möglichst viele Flaschen
zulegen.

Auf der Straße liegt das Geld aber nicht. Ein professioneller
Sammler, der den ganzen Tag über diszipliniert seine Route abläuft,
kommt mehreren Aussagen zufolge auf maximal 15 bis 20 Euro. Andere
Sammler sprechen dagegen von einem Durchschnittsverdienst, der fünf Euro
am Tag nicht überschreitet. Anders sieht es aus, wenn eine
Großveranstaltung ansteht, viele Menschen sich auf engem Raum drängen,
viel getrunken und ein hohes Becherpfand erhoben wird und keine
zusätzlichen Pfandmarken die Massenabgabe verhindern. Gerade dann macht
sich die Professionalisierung bezahlt. Nachdem ein Nachbar von mir
kürzlich von einem Festival zurückkam, berichtete er staunend von einem
Flaschensammler, der mit einem extralangen Sprinter vorgefahren sei. „Am
Ende war der bis obenhin voll, die Türen gingen gar nicht mehr zu!“

„Die Supermärkte ärgern sich natürlich tierisch über Leute, die
weggeworfenes Pfand wieder dem Kreislauf zuführen“, erklärt Karrenbauer.
Denn jede weggeworfene Mehrwegflasche bedeutet einen direkten
Zusatzgewinn, am Einwegpfand verdienen die Supermärkte über den Umweg
als Getränkehersteller. Und das Kleinvieh läppert sich: Aus dem Geschäftsbericht
von Rewe für das Jahr 2011 lässt sich ablesen, dass das Unternehmen
allein zwölf Millionen Euro Plus mit Einwegpfand gemacht hat. (Im Geschäftsbericht für 2013
ist der Posten unter „Sonstige betriebliche Erträge“ nicht mehr
gesondert aufgeführt.) Während bei der Einführung des
„Einwegzwangspfandes“ noch mächtig gemosert wurde, hat sich das Geschäft
mit den Plastikflaschen und Dosen mittlerweile als so lukrativ
erwiesen, dass manche Supermarktketten längst eigene Abfüllstationen
betreiben.

Sozialer Nutzen des Flaschensammelns

Trotzdem gilt am anderen Ende der Nahrungskette: „Die Tätigkeit des
Pfandflaschensammlers reicht nicht aus, um das Überleben zu sichern.“
Erst recht nicht, wenn man die Sondereinkünfte offiziell anmelden würde
und sie damit auf Hartz-IV oder Rente angerechnet würden. So stellt es
zumindest der Soziologe Sebastian J. Moser fest, der sich als einer der
ersten Wissenschaftler überhaupt mit dem Phänomen in Deutschland
beschäftigt hat. Für seine Dissertation „Pfandsammler. Erkundungen einer
urbanen Sozialfigur“ hat er jahrelang heimlich die Routen und das
Verhalten von Sammlern beobachtet, knapp 30 hat er mit verstecktem Mikro
interviewt.

Eine überraschende Erkenntnis seiner Forschungen: Ein Pfandsammler
ziehe nicht nur monetären, sondern auch sozialen Nutzen aus seiner
Tätigkeit, die Moser auch als einen Kampf gegen die Vereinsamung und für
mehr gesellschaftliche Akzeptanz deutet. Wie im Falle von Dieter, der
in der Studie stolz von Polizisten, Club- und Parkhausbesitzern spricht,
die ihm dankbar dafür seien, dass jemand „das Zeug wegräumt“. Für einen
kurzen Moment begebe sich der Pfandsammler zurück in eine Gesellschaft,
deren Teil er schon lange nicht mehr ist, schlussfolgert Moser, kommt
insgesamt aber zu einer ernüchternden Erkenntnis: Die erhoffte
Dankbarkeit bleibt auf der Gegenseite häufig aus, das soziale Stigma der
Armut und des Im-Müll-Wühlens wiegt zu schwer. In Extremfällen würden
die Sammler gar aufs Übelste von ihrer Umgebung beschimpft oder dem
Spott ihrer Mitmenschen ausgesetzt.

Gerade deshalb hält Karrenbauer Aktionen wie „Pfand gehört daneben“
für wichtig. „Das hat einfach etwas mit Würde zu tun, dass die Leute
nicht im Müll wühlen müssen“. Für die Zukunft hofft der Sozialarbeiter,
dass Pfandsammeln in der breiten Gesellschaft endlich als das
wahrgenommen wird, was es für die meisten Sammler längst ist: eine
regelmäßige, selbstbestimmte, strukturierte Arbeit. Eine Arbeit, für die
sich niemand schämen muss. Auf beiden Seiten der Flasche.

Dieser Text ist am 28.08.2014 auf katholisch.de erschienen.

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