Der Eisflaschentapir: Harte Schale, süßer Kern

Wenn die Sonne vom Himmel sengt, zieht er sich lieber in seinen Unterschlupf zurück: Der gemeine Eisflaschentapir (Tapirus cristalinensis) ist ein Freund frostiger Temperaturen. In Gefangenschaft wird dem Tier diese Leidenschaft allerdings zum Verhängnis.

Haarlos der Körper, plump und tonnenförmig die Gestalt, eine Schnauze, die in einem viel zu platten Riechorgan endet. Nein, eine Schönheit ist der Eisflaschentapir (Tapirus cristalinensis)nicht gerade – zumindest mit menschlichen Maßstäben betrachtet. Aber im Reich der Tiere gelten nun mal andere Gesetze – und die richten sich weniger nach ästhetischen Standards als nach einer möglichst perfekten Anpassung an den Lebensraum.

Darin ist der Eisflaschentapir allerdings ein wahrer Meister! Schließlich handelt es sich bei Tapirus cristalinensis um die einzige Tapir-Art, der es gelungen ist, sich innerhalb des südlichen Polarkreises (sprich: in der Antarktis) anzusiedeln. Wann genau die Urahnen des Eisflaschentapirs die tropischen Wälder verließen, in denen ihre Cousins  bis heute beheimatet sind, kann heute nicht mehr genau nachvollzogen werden. Als sicher gilt indessen, dass es eine Population aus Argentinien gewesen sein muss, die mithilfe selbstgezimmerter Schwimmschalen den Atlantischen Ozean in Richtung Südpolarmeer überqueren konnte. Eine architektonische Meisterleistung, die heute nur noch ihre entfernten Verwandten, die Biber, zu leisten wissen.

Im Gegensatz zum Flachland- oder Bergtapir hat sich Tapirus cristalinensis in der antarktischen Kälte zu einem ausgesprochenen Herdenwesen entwickelt. In freier Wildbahn bewegen sich die Tiere in Rudeln zu stets zwölf Individuen. Ist diese magische Zahl überschritten, wird das schwächste Glied aus der Gruppe gejagt, um Platz für den Nachwuchs zu machen. Der Ausgestoßene muss sein Leben fortan in Einsamkeit verbringen – es sei denn, er trifft auf eine weitere Herde, der es durch Krankheit oder Tod zum perfekten Dutzend mangelt.

Abb.1: Anhand einer in Argentinien entdeckten Höhlenmalerei konnte eine Schwimmschale mit zeitgenössischen Materialien rekonstruiert werden. In diesem Gefährt brach der Urahn des Eisflaschentapirs wohl vor rund zehntausend Jahren in Richtung Antarktis auf.

Todesfalle Eisfach

Dies kommt allerdings nur äußerst selten vor. Denn vor natürlichen Fressfeinden muss sich Tapirus cristalinensis nicht fürchten: Unter den unwirtlichen Bedingungen der Eiswüste hat sich die ursprünglich lederne Haut des Säugers zu einer imposanten kristallinen Struktur verfestigt, an der sich Eisbären und Yetis sprichwörtlich die Zähne ausbeißen. Der einzige wirkliche Feind des Tapirs ist daher – wie so oft – der Mensch selbst. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts war es einem kleinen Forscherteam der Coca Cola Company gelungen, ein lebendes Exemplar dieser nachtaktiven und überaus scheuen Tapirart aufzuspüren und nach Europa zu verschiffen.

Seit diesem Zeitpunkt wird Tapirus cristalinensis erbarmungslos gejagt. Gourmets aus aller Herren Länder bezahlen astronomische Preise, um in den Genuss der köstlichen Innereien des Tieres zu gelangen. Ein Jungtier aus Geschmacksgründen zu erlegen, lohnt sich dagegen nicht: Noch schmecken dessen Innereien, die eine hässlich schwarze Farbe tragen, viel zu klebrig-süß.

Alle Versuche, den Eisflaschentapir in gemäßigten Klimazonen anzusiedeln oder gar als Haustier zu halten, sind bislang gescheitert. Viele Tiere mussten einen qualvollen und sinnlosen Tod sterben, weil sie von ihren Haltern im Tiefkühlfach – dem einzigen Ort, in dem das Tier temperaturmäßig gedeihen kann, schlicht vergessen wurden. Denn obwohl der Säuger Temperaturen unter Null bevorzugt, ist er doch auf ständige Bewegung angewiesen, um seine Körpertemperatur aufrechtzuerhalten. Steht Tapirus cristalinensis aber keine Auslauffläche zur Verfügung, setzt ein verhängnisvoller Prozess ein: Die inneren Organe vereisen und dehnen sich aus. Bereits nach wenigen Stunden wird der Panzer des Tieres durch den Innendruck aufgesprengt.

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