Synchronschwimmer Niklas Stoepel: Wassermann aus Leidenschaft

Niklas Stoepel ist Synchronschwimmer. An internationalen Wettbewerben darf er aber nicht teilnehmen. Weil er ein Mann ist.

*** EDIT: Es ist schön zu sehen, wie sich Dinge doch zum Positiven wandeln. Dieser Artikel stammt von 2012. Drei Jahre später wurde das sexistische Reglement geändert. Seit 2015 in Kasan sind männliche Athleten bei Weltmeisterschaften in der Frauen-Domäne zugelassen. ***

Vier Beine schießen aus dem Wasser, zeitgleich, kerzengerade. In der Luft strampeln Füße, als würden sie eine unsichtbare Tretmühle bedienen. Dann tauchen die Beine wieder ab, schrauben sich mit einer Pirouette zurück unter die Wasseroberfläche … Niklas Stoepel und Jacqueline Amthor sind in ihrem Element: Für wenige Minuten verschmelzen ihre Bewegungen zu einer Einheit, perfekt aufeinander eingestimmt, millisekundengenau.

Erst auf dem Trockenen wird deutlich: Niklas Stoepel ist Deutschlands einziger männlicher Profi-Synchronschwimmer. Der Maschinenbaustudent hat gelernt, mit dieser Rolle zu leben. „Die Klischees habe ich alle durchlaufen“, erklärt er, aktuell habe er aber keine Probleme. „Die Leute hier in meiner Heimat kannten mich schon immer so.“

Eine Cousine hatte den damals Sechsjährigen mitgenommen in ihre Schwimmgruppe. „Das war noch kein professionelles Training, es ging eher um den Spaß im Wasser“, erinnert sich Stoepel. Er fühlte sich sofort wohl. „In dem Alter hat mich Wasser schon mehr interessiert als Fußball.“ 14 Jahre später trainiert der Heavy-Metal-Fan noch immer  – vier Mal pro Woche. „Wenn sich die Wettkämpfe nähern, gehen dabei schon mal 24 bis 26 Stunden drauf.“ Soviel Übung zahlt sich aus: Der Bochumer ist Deutscher Meister im Duett bei den Masters, mehrmaliger Sieger der Juniorenklasse, Vizemeister mit den Freien Schwimmern Bochum.

Kampf um Gleichberechtigung

Aber Niklas Stoepel ist auch wütend: Denn sobald sein Verein die Landesgrenze übertritt, bleibt die Badehose trocken. „Für Männer ist die Teilnahme bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen verboten“, ärgert sich der 20-Jährige. Seit Jahren schon kämpft er dafür, auch an internationalen Wettbewerben  teilnehmen zu dürfen – bislang erfolglos. Einen echten Grund für seine Ablehnung lieferte der Weltverbandes FINA nicht. Er sei halt ein Mann.

Selbst aus dem Deutschen Schwimmverband schlägt Stoepel nicht nur Unterstützung entgegen. Skeptische Kampfrichter schauen besonders genau hin, wenn sich plötzlich ein Männerbein aus dem Wasser reckt. Und noch kurz vor Beginn der Londoner Spiele hatte Udo Lehmann, Teammanager der deutschen Synchronschwimm-Nationalmannschaft, Stoepels Hoffnungen auf eine baldige Regeländerung zunichte gemacht: „Der Verband [die FINA] wird keine männlichen Teilnehmer zulassen, und das wird sich auch nicht ändern.“

Regeln wie aus grauer Vorzeit

Dabei muten die Begründungen der Skeptiker bisweilen an wie aus einer längst vergangenen geglaubten Ära: „Synchronschwimmen ist ein Frauensport. Es gibt nun mal gewisse Ausdrucksformen, da sind Frauen netter anzuschauen, als wenn Männer das machen“, so Lehmann. Mit ähnlichen Worten hatte der Deutsche Fußballbund 1955 seinen Vereinen verboten, Frauenmannschaften zu gründen: „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand.“

Völliger Schwachsinn, findet Stoepel und zudem äußerst diskriminierend. „Herr Lehmann hat ja auch nicht erklärt, warum das eine – Eiskunstlaufen zum Beispiel – jetzt schön aussieht und das andere nicht.“ Ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher dürfte zumindest nachdenklich stimmen: Denn noch vor hundert Jahren wurde Synchronschwimmen ausschließlich von Männern betrieben. Erst in den 1950ern setzte sich die Vorstellung durch, dass „Wasserballett“ oder „Reigenschwimmen“ (wie die Sportart ursprünglich genannt wurde) etwas genuin Weibliches sein müsse.

„Ein Verlust auch für den Sport als solches“, meint Stoepel. Männliche Synchronschwimmer hätten das Potential, seiner Sportart, die in Deutschland ein Nischendasein fristet, neues Leben einhauchen.  „Man könnte Figuren schwimmen, die nur mit Frauen gar nicht möglich wären!“ Und Niklas Stoepel wäre endlich nicht mehr ganz so alleine in seiner Umkleidekabine.


Erschienen in der Unicum-Sonderausgabe Uniking im November 2012 als Teil der Reihe „Echte Kerle?!“ (PDF). Foto: privat

Wie es weiterging

Synchronschwimmer Stoepel : „Fußballer sind die größeren Weicheier“ auf FAZ.net (2017): Niklas Stoepel ist der erste deutsche Mann, der bei einer WM der Synchronschwimmer startet. Das erfreut nicht alle. Nun kontert er die Vorurteile – mit ziemlich deutlichen Worten.

„Synchronschwimmen: Der einzige Mann“ von Anna Dreher auf Zeit Online (2017): Niklas Stoepel ist der einzige Synchronschwimmer Deutschlands. Er ist allein unter Frauen. Dabei war das anstrengende Wasserballett mal ein reiner Männersport.

Hinter den Kulissen

„Wann ist der Mann ein Mann“, fragte sich Herr Grönemeyer schon 1984 herrlich selbstironisch. Dreißig Jahre später scheinen wir einen großen Schritt zurück gegangen zu sein. In aktuellen Männer- und Frauenmagazinen werden Rollenklischees aus den 50ern neu aufgewärmt. Und wenn irgendetwas den aktuellen Debatten um Mann und Frau fehlt, dann ist es sicher nicht Vehemenz, sondern manchmal ein wenig mehr Selbstironie.

Ehrlich gesagt: Das Konzept einer nach Geschlechtern getrennten Uni-Wundertüte mit speziellen auf Sie und Ihn ausgerichteten Magazinen, finde ich bis heute nicht so pralle. Aber was, wenn man gerade in Heften, die sonst vor Testosteron nur so triefen, Artikel veröffentlichen kann, die die Klischees auf den Kopf stellen und sich nicht billig über ihre Protagonisten lustig machen? Das wiederum fand ich eine ziemlich gute Idee!

Einen weiteren Artikel aus dieser Reihe gibt es hier: Bronies: Männer, die auf Ponys starren

Leave A Reply

Navigate